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18.11.2018
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Jelgava (Mitau)

           Die größte Stadt von Zemgale, Jelgava, befindet sich am linken Lielupe-Ufer, wo die morastige, mit Wäldern bedeckte Küstenniederung in das fruchtbare Flachland Zemgales übergeht, 41 km südwestlich von Riga. Jelgava hatte stets besondere Geltung im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben der Region. Obwohl die Stadt noch heute Spuren der großen Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg aufweist, erwarten hier den Touristen großartige Denkmäler der Geschichte und Kultur, die an die ereignisreiche und prunkvolle Stadtgeschichte erinnernan die Zeiten, als Jelgava die Hauptstadt des Vereinigten Herzogtums von Kurland und Zemgale war.
           Auf dem heutigen Stadtgelände bzw. auf der langen und schmalen Landzunge zwischen der Lielupe und Driksa entstand im 10. Jh. eine Ortschaft. Ihren Namen »Jelgava« bekam die Stadt von den Liven (»jelgab« heißt livisch »die Stadt«). Historische Quellen nennen sie wohl erstmals 1265 mit dem deutschen Namen »Mitau«, als der Ordensmeister des Livländischen Ordens, Konrad von Mandern, auf der jetzigen Pilssala eine befestigte Burg bauen ließ. Sie wurde zu einem Stützpunkt des Ordens im Kampf gegen die unfügsamen Semgaller. 1290 fiel die letzte Burg der Semgaller, Sidrabene, und Zemgale wurde in den Livländischen Ordensstaat eingegliedert. In Jelgavas Burg ließ sich der Komtur mit zwölf Ordensbrüdern nieder, die die Umgegend verwalteten, das Recht über die einheimischen Bewohner sprachen und die Abgaben einzogen. Im 14. Jh. wurde ihr ruhiges Leben mehrmals durch die Angriffe der Litauer gestört, wobei die Burg wiederholt niedergebrannt und die umliegende Gegend ausgeplündert wurde. Erst gegen Ende des 14. Jh. begann am linken Ufer der Lielupe eine Handwerker- und Händlersiedlung zu wachsen.
          Nach dem Zerfall des Ordensstaates und der Gründung des Kurländischen Herzogtums 1562 wählte Herzog Gotthard Kettler, da er hoffte, zum Herrscher der ganzen ehemaligen Livländischen Konföderation zu werden, die Rigaer Burg zu seiner Residenz. 1573 verlieh man Jelgava das Stadtrecht, und 1578 wurde es die Hauptstadt des vereinigten Herzogtums von Kurland und Zemgale. Die Zahl der Einwohner wuchs und regte die Bautätigkeit an. Als 1596 das Kurländische Herzogtum geteilt wurde, wurde Jelgava zur Residenz Friedrichs, des Verwalters vom Zemgale. Bereits 1617 gewann sie jedoch wieder den Status der Hauptstadt des vereinigten Herzogtums.
          In den 20er Jahren des 17. Jh., während des Polnischen und Schwedischen Krieges (1600-1629), fielen zweimal die Schweden in die Stadt ein und fügten ihr großen Schaden zu. Zu Beginn der Herrschaft Herzog Jacobs (1642-1682), das heißt in den 40er und 50er Jahren des 17. Jh., erlebte die Stadt einen, wenn auch kurzfristigen Aufschwung. Jelgava entwickelte sich intensiv zu einem bedeutenden Zentrum von Industrie und Handel und pflegte enge Beziehungen zu mehreren ausländischen Staaten (England, Frankreich, Russland). Während der Zeit des Herzogs Jacob wurde das Befestigungssystem der Stadt vervollkommnet: die Burg und die Stadt erhielten Wälle und tiefe Schutzgräben. Im Herbst 1658 wurde die Burg durch eine List des schwedischen Heeres besetzt und ausgeplündert. Der Herzog und seine Familie kamen für zwei Jahre in Gefangenschaft. Nach seiner Rückkehr gelang es dem Herzogtum in den letzten 20 Jahren seiner Herrschaft nicht mehr, das wirtschaftliche Niveau aus der Vorkriegszeit zu erlangen.
           Der Sohn von Herzog Jacob, Friedrich Kasimir, unter dessen Verwaltung das Kurländische Herzogtum 1682-1698 stand, verschwendete, der Mode seiner Zeit folgend, großzügig das vom Vater Ersparte in ein üppiges und lustiges Hofleben. Am Vorabend des Nordischen Krieges stand das Herzogtum vor dem ökonomischen Zusammenbruch. Während des Krieges wirtschafteten bald die Schweden, bald die Russen, bald die Alliierten der Polen - die Sachsen - die Stadt zugrunde. Die Anzahl der Stadtbevölkerung verringerte sich um ein Drittel, als die Hungersnot und verschiedene Epidemien ihre Lage noch verschlimmerte.
          1706 sprengten die Russen bei ihrem Rückzug die Jelgava-Burg und die Stadtbefestigung. 1709 besetzte das russische Heer unter der Führung Peter I. die Stadt erneut. Das Schicksal des Kurländischen Herzogtums und seiner Hauptstadt wurde von den politischen und territorialen Interessen des russischen Imperiums in dieser Gegend immer mehr beeinflusst. Peter I. setzte die Heirat seiner Nichte Anna Iwanowna mit dem Herzog Friedrich Wilhelm 1710 durch. Doch unterwegs zur Hochzeit verstarb Friedrich Wilhelm plötzlich. Ferdinand, der sich wegen seiner schlechten Beziehungen mit dem kurländischen Adel in Danzig aufhielt, wurde an dessen Stelle kurländischer Herzog. Im Jahre 1716 ließ der Zar, um den Einfluss Russlands auf das Herzogtum zu verstärken, Anna Iwanowna nach Jelgava kommen. Der eigentliche Herrscher in Kurland wurde aber ein Gesandter Russlands. Im Staat kam es zu politischer Anarchie, die noch dadurch verstärkt wurde, dass Herzog Ferdinand keine Nachkommen hatte.
          Im Jahre 1730 wurde Anna Iwanowna Kaiserin Russlands. Als Ferdinand 1737 starb, nutzte sie, ohne zu zögern, ihren Einfluss aus, um auf den Thron des kurländischen Herzogs ihren Favoriten Ernst Johann Biron zu setzen. Mit dem Segen des neuen Herrschers begann man mit dem Bau eines neuen grandiosen Schlosses. Die Bauarbeiten leitete der Architekt des russischen Hofes Francesco Bartholomäus Rastrelli. Doch die aufgenommenen Arbeiten wurden bald wieder abgebrochen. 1740 starb Anna Iwanowna, ihr Günstling Biron wurde ins Exil, in das damalige Podolsker Gouvernement, verbannt. Im Leben von Jelgava begannen erneut die steten Auseinandersetzungen, Streitigkeiten und Intrigen, die bis 1762 andauerten, bis Kaiserin Jekaterina II. Biron rehabilitierte und ihm aufs neue die Funktionen des Herzogs übernehmen ließ. Obwohl das innenpolitische und ökonomische Leben des Herzogtums sich in einer misslichen Lage befand, begann Biron gleich nach seiner Rückkehr nach Kurland mit dem Bau der monumentalen Schlösser in Jelgava und Rundāle.
          Schon sechs Jahre später war Ernst Biron wegen der starken Opposition des Adels gezwungen, seine herzogliche Vollmacht Peter Biron - dem letzten Herzog Kurlands, der von 1769-1795 regierte - abzutreten. Die Zeit des Herzogs Peter zeichnete sich in Kurland hauptsächlich durch beachtliche Leistungen in Wissenschaft und Kunst aus. 1775 gründete Peter in Jelgava die Academia Petrina (akademisches Gymnasium), die zum geistigen Zentrum des Landes wurde. Zu seiner Zeit wurden in Jelgava die erste Buchhandlung, die erste öffentliche Bibliothek eröffnet und die später berühmt gewordene Druckerei Steffenhagens gegründet. Am Hof veranstaltete man oft Theatervorstellung unter Teilnahme berühmter kurländischer Künstler. Charakteristisch für das geistige Leben des damaligen Jelgava war das große Interesse für Mystizismus und geheime Vereine; zum Beispiel gründete sich 1754 die Freimaurerloge in der Stadt. In höheren Kreisen fanden die berühmten Abenteurer Casanova, Cagliostro und andere ihre Anbeter.
          1782, müde von den steten Auseinandersetzungen mit dem Adel und dem Treiben am Hofe, ließ sich Herzog Peter außerhalb Jelgavas im anmutigen Vircava-Schloss nieder, hin und wieder lebte er auch im Svēte- und Luste-Schloss. Das weitere Schicksal des Herzogtums interessierte ihn nicht mehr.
          Ende des 18. Jh. erreichte Kurland der Nachhall der Französischen Revolution (l 789). Die Stadtbewohner von Jelgava begannen ihren Kampf für ökonomische und politische Rechte. 1792 brach der sogenannte »Müller-Aufstand« aus. 1795, mit der Teilung Polens, verlor das Kurländische Herzogtum seinen staatsrechtlichen Status und Herzog Peter trat freiwillig vom Thron zurück. Das Herzogtum wurde zum Gouvernement des Russischen Imperiums.
        Nach der Französischen Revolution (1798-1801 und 1804-1807) hielt sich als Emigrant der künftige König Frankreichs, Louis XVIII., mit seinem Hof im Jelgava-Schloss auf. Im Jahre 1812 wurde Jelgava von preußischen Truppen besetzt, jedoch gelang es dem Gouverneur Sievers, die Eindringlinge vom Zerstören der Stadt abzuhalten. Nachdem die russische Armee die Feinde vertrieben hatte, setzte in Jelgava eine Periode dauerhaften Friedens ein. 1818 kam Zar Alexander I. nach Jelgava, um die Entlassung der Bauern aus der Leibeigenschaft im Kurländischen Gouvernement zu verkünden.
          Die Eröffnung neuer Eisenbahnlinien (1868 nach Riga, 1873 nach Mažeikiai) schuf neue Impulse für die weitere Entwicklung der Stadt. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. wurden in Jelgava mehrere große Betriebe gebaut. Seit 1863, als die Übersiedlungseinschränkungen für Bauern aufgehoben worden waren, strömten viele Letten nach Jelgava und erweiterten die Schicht der Hausbesitzer, Händler, Handwerker, Lehrer und Beamten. Die Stadt vergrößerte sich schnell, 1914 zählte sie schon über 45 000 Einwohner. Schwere Verluste brachte Jelgava der Erste Weltkrieg, dessen Folgen erst Mitte der 30er Jahre vollständig beseitigt werden konnten. Die Verwüstungen im Zweiten Weltkrieg waren für die Stadt noch schrecklicher: Der ganze zentrale Stadtkern, alle Industriebetriebe, das Eisenbahnnetz, viele Lehranstalten, öffentliche Gebäude und anderes wurden zerstört, und unzählige Kulturwerte gingen zugrunde.
          Wenn man in Jelgava die Hauptstraße entlang aus Richtung Riga ankommt, eröffnet sich vor den Augen des Stadtbesuchers auf der Insel zwischen der Lielupe und Driksa das grandiose Schloss Jelgavas, das, wie schon erwähnt, der Architekt des russischen Hofes, Francesco Bartholomäus Rastrelli, entwarf. Die Bauarbeiten verliefen in zwei Etappen von 1738-1740 und 1764-1774. Der majestätische Bau besteht aus einem dreiteiligen Baukomplex (der langgestreckte zentrale Korpus mit zwei Seitenflügeln), dessen Hauptfassade und östlichen Fassade, die auf Lielupe gerichtet ist. In der Komposition heben sich die Fassadenteilung durch Risalite, der mittlere halbstöckige Vorsprung und die Plastik der einzelnen Fassadenelemente (Gesimse, Fensteröffnungen, Pilaster, Gusseisendekore) hervor.
          Die Innenausstattung führten 1764-1772 der Bildhauer Johann Michael Graff und der Maler des Kurländischen Hofes Hartmann Friedrich Barisjen (1724-1796) aus. Leider ging sie während der vielen Umbauarbeiten und Feuerbrände zunichte. Es ist aber heutzutage möglich, die Vestibüle und Gewölbe-Gänge aus der ersten Bauperiode zu besichtigen.
          Das Jelgava-Schloßss kann auf eine Sammlung hervorragender Kunstdenkmäler von osteuropäischem Rang besonders stolz sein: auf die Sarkophage aller kurländischen Herzoge, die im Sockelgeschoss des südwestlichen Flügels aufbewahrt werden. Der wertvollste Schatz der Sammlung ist der 1587 angefertigte Sarkophag des kurländischen Herzogs Gotthard Kettler. In der Zeit bis 1737 kamen weitere 24 Sarkophage des Geschlechts der Kettlers hinzu. Später ergänzten drei Sarkophage der Herzöge Birons die Sammlung.
          Am gegenüberliegenden Ufer der Driksa ragt der Turm der St. Dreieinigkeitskirche(1688) einsam in den Himmel. Der Turm ist das einzige, was von dem im Jahr 1615 erbauten und im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gotteshaus übriggeblieben ist.
          Ein paar hundert Meter weiter befindet sich im Puschkin-Prospekt 10 das Gebäude der ehemaligen Academia Petrina. Es wurde 1773-1775 aus dem Schloss der Herzogin Anna, der späteren Kaiserin Russlands, gestaltet. Die Rekonstruktion des Projekts gestaltete Architekt Severin Jensen (l 723 bis nach 1809). Die Academia Petrina ist ein zweigeschossiger Längsbau mit einem Mittelrisalit und einem zweistöckigen Turm, dessen unteren Teil korinthische Kolonnen schmücken. In dieser populären Lehranstalt arbeiteten viele prominente Gelehrte wie der deutsche Mathematiker und Astronom Wilhelm Gottlieb Beitler (1745-1811), der Mathematiker und Geodät Magnus Georg Paucker (1787-1855) und der schwedische Naturwissenschaftler Johann Jacob Färber (l 743-1799). Unter den Schulabgängern befindet sich eine ganze Reihe von später weitbekannten deutschbaltischen und lettischen Intellektuellen. Unter den Letten zeichnen sich besonders der berühmte Folklorist Krišjānis Barons (1835-1923), der Dichter Juris Alunāns (1832-1864) sowie der Schauspieler, Regisseur und Dramatiker Adolfs Alunāns (1848-1912), auch »Vater des lettischen Theaters« genannt, aus.
          Ein bedeutendes Denkmal der sakralen Architektur von Zemgale ist die St. Anna-Kirche Jelgavas (Jaunatnes iela l), die von den frühen Verbindungen der Region mit den westeuropäischen Ländern ein anschauliches Beispiel gibt. In der Turmkugel der Kirche wurde ein Dokument aufgefunden, das bezeugt, dass sich die Bauarbeiten am Turm (1619-1621) unter der Aufsicht des Westfalen Arend Frönink befanden, den Bau der Kirche (1649 abgeschlossen) aber an der Stelle eines älteren abgetragenen Gotteshauses ein anderer Westfale, Johann Kothauer, leitete. Diese Tatsache lässt den augenfälligen Einfluss des in Nordeuropa verbreiteten Stil des Manierismus auf Komposition und Gestaltung des Exterieurs erklären. Das anfängliche Interieur der Kirche ist leider schon Ende des 17. Jh. verlorengegangen.
          Am linken Driksa-Ufer befindet sich noch eine Sehenswürdigkeit, die Villa Medem (1835-1836). Sie wurde auf Bestellung des Grafen Christoph Johann von Medem von dem Architekten Johann Georg Berlitz (1753-1837) entworfen. Die »Villa Medem« ist ein einstöckiges Gebäude mit erhöhtem zentralen Teil und einem Eingangsportal. Die Baukomposition bestätigt die Treue von Johann Berlitz zu den Traditionen der Architektur des Palladianismus.
          Jenen Stadtbesuchern, die an der im großen und ganzen schlichten Architektur der Wohn-, Handels- und Handwerkerbauten des 18. und 19. Jh. Interesse haben, ist zu empfehlen, die Gebäude in der Auseklis iela zu besichtigen.

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